Freitag, 5. August 2011

José-Alain Fralon, Der Gerechte von Bordeaux

 - Das Wohnzimmer und das Esszimmer sind voller Flüchtlinge und die Familie nimmt ihre Mahlzeiten im Stehen in der Küche ein. Das Konsulat schließt nun gar nicht mehr. -

Viele Menschen kennen Oskar Schindler und reden, leider teilweise etwas unreflektiert, über seine Rettung von Juden. Doch kaum jemand kennt Aristides de Sousa Mendes.

Als portugiesischer Diplomat setzte er sich in Frankreich, entgegen seiner dienstlichen Vorgaben, für Flüchtlinge ein und rettete so ca. 30.000 Menschen vor dem Holocaust. Doch wer war eigentlich der Mensch de Sousa Mendes? Dieser Frage versucht José-Alain Fralon nachzugehen.

Er beginnt mit der Kindheit des späteren Diplomaten und beleuchtet genau welchen Einfluss die ländliche Umgebung und der Katholizismus auf den jungen Aristides gehabt haben. Dabei stellt er die familiären Begebenheiten in direkten Bezug zu geschichtlichen Ereignissen und portugiesischen Besonderheiten. Beleuchtet wird allerdings nicht nur das Leben der Hauptfigur, sondern auch die Entwicklung wichtiger Weggefährten. Besonders herausgestellt wird das Leben seines Zwillingsbruders, das teilweise in ganzen Etappen Parallelen aufweist und dann politisch in eine andere Richtung verläuft.

Beide treten in den diplomatischen Dienst ein, doch ist der Weg Aristides' sehr viel steiniger und von Umwegen geprägt. Zeitweise wird er sogar aus dem diplomatischen Dienst entlassen und muss zwangsweise in den Ruhestand gehen. Finanziell geht es ihm immer wieder sehr schlecht und er bittet um neue Anstellungen. Er scheint sich sogar regelrecht anzubiedern, um einen Posten zu erhalten. 1938 weist man ihm das Amt des Generalkonsuls in Bordeaux zu. Und dort wird er auf eine harte Probe gestellt.

Der Autor José-Alain Fralon wurde in Algerien geboren und arbeitet für die Pariser Tageszeitung "Le Monde". Sein Werk wurde in Frankreich ausgezeichnet und unter dem Titel "Désobéir" verfilmt. Zum überwiegenden Teil finde ich dies gerechtfertigt. Er hat die Geschichte von Aristides de Sousa Mendes wieder in die Öffentlichkeit getragen und so den Angehörigen, die schon lange um eine angemessene Erinnerung kämpfen, unterstützt. Zudem ist das Buch gut recherchiert und der Aufbau ist sehr gut nachvollziehbar. Auch die Sprache ist recht einfach gehalten und teilweise schon romanhaft. Daher entwickelt sich ein sehr guter Lesefluss. Allerdings gibt es auch bestimmte Stellen, die mir nicht gefallen haben. Meist handelt es sich dabei um plötzliche und riesige Themensprünge. Zudem driftet der Autor manchmal in eine Erzählweise ab, die sehr kolumnenhaft wirkt und dem Thema und dem jeweiligen Punkt der Erzählung nicht entspricht. Weiterhin wird die Erzählweise auch gewechselt ohne, dass dies für den Leser sofort erkenntlich ist. Man fühlt sich dann zunächst etwas orientierungslos. Diese negativen Punkte treten aber nur an wenigen Stellen auf und schmälern daher die Gesamtleistung nur geringfügig.

Fazit: Ein Buch, das eine ganz andere Perspektive der Hilfe aufzeigt und die Frage aufwirft wie sich eigentlich andere Diplomaten verhalten haben.


 
ISBN-13: 978-3-8251-7768-3
Erscheinungsjahr: 2011
Auflage: 1
Extras: Aus dem Französischen von Manfred Flügge, mit einem Nachwort von Andreas Neider
Einband: Gebunden
Seiten: 207
 
Link zur Verlagsseite

Danke für die Bereitstellung durch:

Kommentare:

  1. So aus Neugier: Kanntest du Mendes vorher schon?
    Ich hab das Buch gerade beendet und bin gelinde gesagt entsetzt, dass ich -trotz Schwerpunkt Nationalsozialismus im Studium- vorher noch nie von ihm gehört hatte.

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  2. Erschreckender Weise kannte ich ihn bis zu diesem Buch auch nicht...

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