Samstag, 30. April 2011

Françoise Dorner, Die Frau in der hinteren Reihe

- Ich hatte zu wenig Erfahrung, ich sagte nie, was ich dachte, nie, was ich wollte. Immer diese Angst, ich könnte nicht mehr geliebt werden, wenn ich aus mir herausginge. Noch heute war ich nicht viel mehr als das kleine Mädchen von damals, das die Tür aufmachte. Aber wem? -

Nina lebt in Paris und betreibt dort mit ihrem Mann einen kleinen Kiosk. Am Morgen um drei vor fünf weckt sie pflichtbewusst ihren Ehemann und erfüllt dann rasch die ehelichen Pflichten. Um fünf Uhr steht ihr Mann bereits im Bad. Sechs Tage in der Woche beginnt der Tag auf dieselbe Art und Weise. Es hat sich ein Rhythmus eingespielt, der nicht infrage gestellt wird. Einzig die Kunden bringen etwas Abwechslung in den Alltag. Doch auch bei ihren Geschichten lässt sich schon nach kurzer Zeit ein Schema erkennen. Da Nina aber noch nie irgendetwas hinterfragt hat, erscheint ihr dieses Leben als ganz normal. Sie will einfach nur geliebt werden.
Irgendwann beginnt sie sich jedoch für die Zeitschriften zu interessieren, die von den männlichen Kunden immer recht heimlich gekauft werden. Manche lesen sie sogar verdeckt hinter der Tageszeitung. Was ist so interessant an den Magazinen? Nina lernt mit jedem Bild eine andere Welt kennen. Sie fragt sich, ob Männer wirklich solche Frauen begehren. Sie versucht es in einem Selbstexperiment. Langsam verändert sie ihr Äußeres und wird immer attraktiver. Sie tritt aus ihrer Deckung heraus. Nur ihrem Mann scheint das nicht ganz geheuer zu sein. Seine Frau und das Bild einer femme fatale passen einfach nicht zusammen. Doch was passiert, wenn er gar nicht weiß, dass es sich um seine Frau handelt?

Françoise Dorner erschafft mit Nina eine Figur, die mir aufgrund ihrer Charaktereigenschaften, eigentlich sofort unsympathisch wäre. Sie ist naiv und ein bisschen weltfremd. Sie nimmt sich immer zurück und denkt nicht an sich selbst. Sie meint zu wissen, was andere wollen und verstrickt sich so in einem Gefühlswirrwarr. Doch die charmante und humorvolle Art und Weise lassen gar keine negativen Gedanken zu. Man lächelt zunächst über Nina und findet sie witzig, doch nach und nach lernt man einen sehr zerbrechlichen Menschen kennen, der schon früh enttäuscht wurde und einfach nur in Geborgenheit leben möchte. Nina will einfach so geliebt werden wie sie ist. Da aber niemand ihr wahres Ich kennt, muss erst ein Bruch vollzogen werden. Aus der kleinen schüchternen und im Hintergrund stehenden Frau wird eine wunderbare starke Person, die erst noch lernen muss diese Veränderung als eigenen Charakter wahrzunehmen.

Diese Geschichte wird von der Autorin in einer leichten Sprache erzählt, die ich jetzt schon häufiger in Übersetzungen französischer Werke wahrgenommen habe. Christel Gersch hat anscheinend sehr behutsam und dabei würdevoll übersetzt. Der gesamte Text ist leicht verständlich und wirklich sehr witzig. Selbst in den ernsten Situationen beginnt man dank der Protagonistin zu lächeln.

Fazit: Der Humor trägt den Leser von Zeile zu Zeile und macht ein Zuklappen fast unmöglich. Dieses Buch ist eine wirkliche literarische Bereicherung, deren Tiefe erst nach dem Lesen deutlich wird.






Roman, detebe 24034 Broschur, 160 Seiten
ISBN 978-3-257-24034-4
Erschienen im Juli 2010
€ (D) 8.90 / sFr 15.90* / € (A) 9.20
* unverb. Preisempfehlung


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Kommentare:

  1. Dem habe ich nichts hinzuzufügen, liebste Charlene! Merci beaucoup!

    Herzlichst,
    Klappentexterin

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  2. Klingt wirklich sehr verlockend! Danke für die Rezension!

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  3. Was fast noch schöner ist, ihr erstes Buch.
    "Die letzte Liebe des Monsieur Armand"

    http://www.diogenes.de/leser/katalog/a-z/l/9783257239034/buch

    Kann beide Bücher auch nur empfehlen.

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  4. Merci! Ist schon auf dem Wunschzettel :-)

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