Montag, 11. April 2011

Michel Houellebecq, Karte und Gebiet

- "Auch wir sind Produkte", fuhr er fort, "kulturelle Produkte. Auch wir sind eines Tages überholt. Dieser Prozess spielt sich auf die gleiche Weise ab- nur mit dem Unterschied, dass es bei uns im Allgemeinen keine eindeutige technische oder funktionale Verbesserung gibt; nur die Forderung nach Neuheit bleibt, und zwar im Reinzustand." -

Michel Hoeullebecq beschreibt in seinem neuesten Werk überwiegend das Leben des Künstlers Jed Martin. Sein Vater ist ein bekannter und recht wohlhabender Architekt, der weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Jeds Mutter hat sich in seiner frühen Kindheit das Leben genommen. Für die beiden Männer gab es in ihrem gemeinsamen Leben daraufhin nie wieder eine wichtige Frau. Ja, Jed hatte noch nicht einmal richtige Freunde. Man könnte ihn wohl als Sozial-Phobist bezeichnen. Mit Blick auf die Liebe gab es zwar die ein oder andere Bekanntschaft und längere Beziehungen, aber sein gesamtes Leben wollte er nie mit einer Partnerin teilen. Schon während des Studiums zog er sich in seine künstlerische Arbeit zurück, die sich zunächst im Bereich der Fotografie bewegte. Seine ersten Erfolge feierte er mit Departementkarten von Michelin, die er in aufwendiger Art und Weise fotografierte. Als er sich auf die Malerei und ganz besonders auf berühmte Persönlichkeiten spezialisiert, lernt er Michel Houellebecq kennen.

Ich habe dieses Buch als sehr ambivalenten Text wahrgenommen. Auf der einen Seite ist es ein Werk, wie es nur Michel Houellebecq schreiben kann. Auf der anderen Seite hat es so gar nichts von ihm. In seinen anderen Werken, die von vielen immer als reine Sexorgien-Bücher verstanden werden, wird die Kritik an der Gesellschaft und dem Kapitalismus geradezu herausgeschrien. Karte und Gebiet ist diesbezüglich sehr viel leiser und ruhiger. Der Text flüstert geradezu und schleicht sich gleichzeitig von hinten an, um dann plötzlich mit einem Satz den Leser zu schnappen. Danach entfernt er sich in konzentrischen Kreisen, kehrt aber immer wieder zurück. Es ist jedoch fraglich, ob diese Form der Gesellschaftskritik wirklich von vielen Lesern aufgespürt wird oder ob die Wirkung einfach verpufft, weil man darauf wartet, dass sich endlich einer der Protagonisten in ein lustvolles Leben stürzt. Da dieser Roman so anders ist, könnte man sagen, dass das Kennen der anderen Texte hinderlich ist. Nein das ist es ganz und gar nicht. Denn bei bestimmten Sätzen hört man nahezu wie das eigene Gehirn arbeitet, wie die Seiten der alten Bücher bewegt werden und neue gedankliche Verknüpfungen zu elementaren Erkenntnissen führen. Es ist fast so, als ob Karte und Gebiet das Lebenswerk des Autors abrunden soll. 
Dazu passend karikiert sich Houellebecq in hier das erste Mal in umfangreicher Form selbst. Er tritt nicht nur in der Geschichte auf und übernimmt im letzten Drittel eine sehr wichtige Rolle, sondern behandelt auch alle gängigen Bilder, die die Presse von ihm gezeichnet hat. Gleichzeitig scheint aber sein wahres Ich immer wieder in anderen Autoren zum Vorschein zu kommen.

Houellebecq hat in meinen Augen ein Kleinod entwickelt, in dem man intellektuelle Luft endlich wieder aufnehmen kann, ohne sich dabei am Unverständnis einzelner Sätze zu verschlucken. Ich habe plötzlich gedacht, dass alle Werke, die ich in den letzten Monaten gelesen habe, belanglos, sprachlich unvollkommen und oberflächlich gewesen sind. Ich kenne niemanden, der es so gut schafft kompakt und gleichzeitig interessant über Liebe, Kapitalismus, Tod, Trauer, Kunst und Literatur zu schreiben.

Fazit: Ein Meisterstück, das selbst Houellebecq wohl nicht mehr toppen kann.

Merci pour ce livre fantastique, Monsieur Houellebecq.

Michel Houellebecq
Karte und Gebiet
400 Seiten, Hardcover
Übersetz.(a.frz.) Wittmann, Uli
Originaltitel: La carte et le territoire
Flammarion (Paris) 2010
EUR 22,99 [D] / 34,90 sFr.
ISBN 978-3-8321-9639-4 

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Kommentare:

  1. Du hast mich überzeugt! Das Buch soll das erste sein, das ich von dem ungewöhnlichen französischen Autor lesen möchte. Merci beaucoup!


    Liebe Grüße

    Klappentexterin

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  2. Na, ob es deinen Ansprüchen gerecht wird weiß ich nicht ;-)

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  3. .. ich habe mir dieses allseits so hochgelobt buch vor ein paar wochen zugelegt - ja wirklich gekauft - ich bin gerademal bis etwa seite 35 oder 40 gekommen ... und habe nicht die gringste lust weiterzulesen ...

    so sehr langweilt es mich .... ok ganz nett diese idee mit dieser künstlerfigur \"jed\" diese seitenhiebe auf gegenwartskünstler wie damien. hirst und koons ...
    aber sprachlich ist das ganze banal - vielleicht ist ja absicht ?

    sorry ich neige dazu solche hochgelobten bücher mit romanen zu vergleichen, die ich schon gelesen habe und die mich faszinierten - direkt ab dem ersten satz, dem ersten abschnitt und die ich unter umständen in zwei nächten ohne schlaf ausgelesen habe - und ich war getroffen und innerlich \"bewegt\" ...

    tut mir leid hier wird das gewiss nicht passieren - dafür ist schon viel zu spät ...
    was kann mich dazu bringen weiterzulesen ?

    Ich habe keine ahnung - mich ärgert das geld das ich ausgegeben habe und das ich ja eigentlich herrn Houellebecq auf den leim gegangen bin ...
    und dieser literatursendung auf 3 sat ...
    und ein teil des ganzen hipes werde- obwohl dieses werk vermutlich ungelesen in meinem bücherregal vor sich hindämmern wird ...

    VG reiner wentzel

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