Donnerstag, 14. April 2011

Little Bee zum zweiten Mal

Da nicht jeder Lust hatte meine Rezension auf der Seite meiner Lieblingsbuchhandlung zu lesen oder auch einfach den Post übersehen hatte, kommt hier noch einmal der gesamte Text.

Liebe Grüße
Charlene


- Am Anfang glaubt man, man könnte alle Bösen töten und die Welt retten. Dann wird man ein bisschen älter, vielleicht wie Little Bee, und begreift, dass etwas vom Bösen in der Welt in einem selbst steckt, dass man ein Teil davon ist. -

Krieg ist immer ein schreckliches Ereignis und der moderne Krieg um Öl ist in manchen Ländern noch schrecklicher, als es unsere Vorstellung erlaubt. Zu sehen, wie eine Horde bewaffneter Männer das eigene Dorf überfällt, in Brand steckt und die Frauen vergewaltigt, ist ein grausames Erlebnis. Solche Überfälle zu überleben ist Glück und Unglück zugleich. Niemals wird man die Bilder vergessen und niemals wird man wieder ein normales Leben führen können.

Little Bee stammt aus Nigeria und hat die beschriebenen Dinge als Kind erlebt. Doch mit 14 Jahren kann sie nur noch an eine weite Flucht denken und schmuggelt sich auf ein Containerschiff, das auf dem Weg nach England ist. Dort angekommen wird sie sofort in ein Abschiebegefängnis gebracht. Das so genannte „Ausreisezentrum Black Hill“ ist für die kommenden zwei Jahre ihre Heimat. Es ist der Ort, an dem sie ihre Erinnerungen einholen. Ein Ort, an dem sie noch schlimmere Geschichten hört und ein Ort voller Demütigungen.
Nach ihrer Entlassung möchte sie sofort zu den einzigen Menschen, die sie in England kennt und die ein Teil ihrer nigerianischen Geschichte sind. Die angekündigte Ankunft von Little Bee bereitet allerdings in der Journalistenfamilie von Sarah und Andrew nicht nur Freude. Es kommt zu dramatischen Ereignissen und tragischen Wendungen.

Chris Cleave erzählt die Geschichte des nigerianischen Mädchens aus zwei Perspektiven. Auf der einen Seite steht Little Bee selbst und beschreibt ihr Leben und ihre Gedanken. Sie berichtet von ihren Bemühungen Englisch zu lernen und ihren Verständigungsproblemen, weil sie die Wörter in einem falschen Zusammenhang benutzte. Sie gibt aber auch den Blick auf ihre Seele frei. Sie spricht über ihre Gefühle und ihre Hoffnungen. Dabei versucht sie ein Verständnis bei dem Leser aufzubauen, indem sie kulturelle Unterschiede zwischen der afrikanischen und der europäischen Welt aufzeigt. Auf der anderen Seite steht die Journalistin Sarah, die in einem englischen Vorort lebt und nicht nur Mutter, sondern auch erfolgreiche Geschäftsfrau ist. Sie erzählt ebenfalls über ihr eigenes Leben, spricht aber auch über Ereignisse, die sie gemeinsam mit Little Bee erlebt hat. Da beide Erzählerinnen in einzelnen Abschnitten über dieselben Erfahrungen sprechen, erhält der Leser ein sehr differenziertes Bild, das kulturelle Unterschiede und daraus entstehende Handlungen nachvollziehbar macht.

Dank der Übersetzerin Susanne Goga-Klingenberg ist der sprachliche Witz erhalten geblieben und die sprachlichen Unterschiede der beiden Protagonistinnen sind noch klar erkennbar. Hier mag der Leser teilweise etwas über die Sprache von Little Bee stolpern. Die wundervollen Gleichnisse und die farbintensiven Beschreibungen heben das aber wieder auf. Teilweise erinnert die Erzählung daher auch an die sehr poetischen Romane aus dem afrikanischen Raum. Zu Sarah passt ihr eher abgeklärter journalistischer Ton, der aber im Verlauf der Geschichte immer mehr Gefühle zulässt. Das ist zu einem großen Teil Little Bee zuzuschreiben und spiegelt die persönliche Entwicklung Sarahs wider.

Fazit: Es handelt sich um einen Roman, der aufrüttelt ohne direkt anzuklagen. Man fühlt mit den handelnden Personen und möchte am liebsten in den Text hineinspringen und die Sache in die Hand nehmen. Gleichzeitig erinnert Chris Cleave an die wichtigen Dinge des Lebens, die sich überall auf der Welt ähneln. Und das alles erfolgt in so einer angenehmen sprachlichen Atmosphäre, dass man dieses Buch unbedingt empfehlen muss.

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Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg
Deutsche Erstausgabe
320 Seiten
ISBN 978-3-423-24819-8
2. Auflage, April 2011 

Link zur Verlagsseite (mit Leseprobe)

Kommentare:

  1. Ich freue mich schon darauf, das Buch zu lesen. Bei all diesen guten Rezensionen dazu! Besorgt habe ich es mir bereits - jetzt fehlt nur noch Zeit :-)

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  2. Du hast recht, das Buch ist wirklich toll und das Ende hat mich schon sehr berührt. LG, Katarina :)

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